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21.07.2009 - 00:00:00

NIK P.
Die CD "Weisst du noch" im Test von Holger Stürenburg!

ACHTUNG: Dieser Artikel wird all diejenigen "Nörgler" Lügen strafen, die behaupten, dass Holger Stürenburg Ariola/SONY-Themen (aufgrund seiner Verbundenheit mit dieser Firma) stets in den siebten Himmel loben würde...:

Es gibt Neues vom "Stern", der den Namen NIK P. trägt. Der 47jährige Sohn eines Russen und einer Kärntnerin hat für seine jüngste – insgesamt zwölfte – Produktion "Weißt Du noch" (Ariola/SONY), die am 3. Juli 2009 auf den Markt kam, ebenso viele brandaktuelle Titel geschrieben, die ihn in musikalischer Hinsicht als überzeugenden, stets Ungewöhnliches ausprobierenden Gratwandler zwischen gehobenem Schlager und Deutschpop mit Rockuntertönen präsentieren, während die Texte diesmal – zumindest rein subjektiv, aus der Sicht des Verfassers dieser Zeilen – immer wieder mal arg zu wünschen übriglassen bzw. geradezu wie (Selbst-)Plagiate erscheinen.

Bereits in der ersten Singleauskoppelung aus vorliegendem Tonträger, "Der Mann im Mond" – per se ein höchst eingängiger Up-Tempo-Ohrwurm mit konsequentem Wiedererkennungswert, der zum Mitsingen und Mittanzen gleichermaßen einlädt –, findet sich die x-te Reminiszenz an Nik P.’s europaweiten Hit "Ein Stern, der Deinen Namen trägt" (2007); so startet der darauf folgende, klanglich überaus liebenswerte Poprocker "Come on let’s Dance" sogleich in der ersten Textzeile mit der Formulierung "Wenn STERNschnuppen / am Himmel fliegen…", während der Protagonist im, bezüglich Arrangement und Inszenierung stark an die frühen bis mittleren 80er Jahre gemahnenden NDW/Pop-Schlager "Hörst Du mich" "Funkkontakt zum kleinen blauen (sic!) STERN" (wohin auch sonst? Der Verf.) sucht – und "Major Nik" sich zu allem Überfluß genötigt sieht, den Kehrvers auch noch Peter-Schilling-gemäß mit dem Textfragment "Völlig schwerelos" ausklingen lassen zu müssen.

Daß im teutonischen Schlager des neuen Jahrtausends offenbar dauerhaft der "Vielflieger-Tarif" genutzt wird, man textlich ständig nur noch "fliegt", oder diversen Substantiven "Flügel" andichtet, hat sich inzwischen eingebürgert – dieser nicht immer passenden Angewohnheit nun aber zusätzlich noch einen gewissen "Himmelskörper-Fetischismus" hinzuzufügen, muß m.E. geschmacklich ganz und gar nicht sein und könnte vielmehr zu einem von den einzelnen Künstlern bzw. Lyrikern sicherlich niemals gewollten "Trashfaktor" führen, der dem Projekt "Deutscher Schlager" recht schnell seine Ernsthaftigkeit zu nehmen bzw. dasselbe unnötig der Lächerlichkeit preiszugeben in der Lage wäre.

Grammatikalische Fehler finden sich leider nicht selten in deutschen Schlagertexten. Der sehr melodiöse, getragene Abschluß von "Weißt Du noch" nennt sich "Mein letztes Hemd", erinnert entfernt an die dunklen Countrysounds eines Freddy Quinn, und wartet im Refrain mit der Textzeile "Ich habe nichts zu hinterlassen / außer meinEM guten Ruf" auf… Hier muß "Sprachfetischist" Holger mal wieder deutlich Einspruch erheben. Dies, lieber Nik, muß sprachlich korrekt nun mal heißen "außer meinES guten RufES"!!!


 



Davon abgesehen, ist "Mein letztes Hemd" aber ein durchdachter, interessanter Mid-Tempo-Popper geworden, der weniger Schlager, denn klassischer deutscher Countrypop mit Anspruch ist.

Eine sehr traurige, melancholische Geschichte - in traumhaft gefühlvollen Worten beschrieben - über das Ende einer innigen Urlaubsliebe, erzählt die im sachteren Tempo verharrende, aber dennoch energetisch und kraftvoll ausgestaltete Halb-Ballade "Adieu, mein Schatz".

In "Aus den Augen" geht’s ebenfalls um einen aufwühlenden Abschied: Das Lied-Ich weiß mit seinem Leben nichts mehr anzufangen, hat keine Lust zu nichts, an rein gar nichts Interesse. Begründung: Seine langjährige Große Liebe hat ihren bisherigen Partner einfach so, mir nichts, Dir nichts, verlassen, hat sich noch nicht einmal von ihm regulär und höflich verabschiedet – worüber das Lied-Ich einfach nicht hinweg kommen mag.

Einen romantischen Schleicher erster Güteklasse stellt "Was wär’" dar. Eine Frau befindet sich auf dem alltäglichen Weg auf der Autobahn in Richtung Büro – und träumt plötzlich davon, ihrem alten Leben von einer Sekunde auf die andere Lebewohl zu sagen, und weiter gen Süden in vollkommen neue, fremde, ungewohnte Gefilde aufzubrechen. Aber, sie läßt trotzdem die Vernunft walten und belässt es bei einem einzigen Tag des Ausbruchs aus dem Alltagstrott, genießt die Sonne und das Gefühl, einfach nur mal ein paar Stunden lang frei und ungebunden zu sein. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit, fährt sie brav zurück nach Hause und antwortet auf die Frage der Familie, wo sie denn den ganzen Tag gewesen sei: "Ich habe heute einen Tag gelebt" (Textzitat) – wunderschöne Formulierungen paaren sich hier mit einer liebenswerten, ganz sacht gehaltenen Melodie im Balladenkontext.

Gleichsam hoch emotional, intim und intensiv dargeboten, vernehmen wir die so grazile, wie ehrliche Liebeserklärung an eine offenkundig unübertreffbare Traumfrau, "Ich hab schon geträumt von Dir".

Hardrockig, treibend, urban, rasant, durch einen leicht philosophischen, durchaus quergedachten Text verfeinert, ertönt der aufreibende, rifflastige Hymnus "In der Nacht sind alle Katzen grau" – ein äußerst gelungener, potentieller Singleanwärter, mit dem sich der großgewachsene gelernte Kellner allerdings stilistisch zwischen alle Stühle setzt, so daß er mit gerade diesem Titel vielleicht sogar sowohl im traditionellen Schlagerradio, als auch in MOR-Formaten profund reüssieren könnte. Auch "Es war das erste Mal" trägt zweifellos Rundfunkqualitäten in sich, rockt locker und flott vor sich hin und geht gleichsam ungemein ins Ohr.

Textlich recht plump, klischeehaft, musikalisch, wie schon tausendmal gehört, wirkt hingegen der (über)stark rhythmisierte Stomper "Einmal ist keinmal" – nicht unbedingt die kreative Bestleistung im Zuge des inzwischen seit rund 15 Jahren währenden künstlerischen Schaffens des Nik P.

Alles in allem ist und bleibt "Weißt Du noch" ein zwiespältiges Opus. Es beinhaltet ein paar wirklich imposante neue Songs zwischen Schlager und Rock, bietet einige wahrhaftig interessante, nachdenkenswerte Geschichten auf, für die der Österreicher ein ums andere Mal sympathische, prägnante Worte und Reime findet – aber, die meisten darin beschriebenen Plots kennen wir bereits seit Jahrzehnten von genrerelevanten Kollegen. So hieß "Es war das erste Mal" bei Andreas Martin "Das erste Mal im Leben" oder bei Peter Maffay "Und es war Sommer"; "Was wär’" ist nichts anderes, als "Ich war noch niemals in New York", im "Remix 2009", "Adieu, mein Schatz" gibt es von Andreas Martin ("Solo tu – Du allein") bis Wolfgang Petry ("Nur ein kleines Stück Papier") und sogar die spezielle "Lieblingsband" des Rezensenten, meine über alles geliebten "Flippers", lassen in ihren avantgardistisch-tiefsinnigen, stets literaturnobelpreisverdächtigen Epen pausenlos irgendwelche Sommerlieben übelst und betroffen zu Ende gehen…

Natürlich steht Nikolaus Presnik, immerhin der erste reale männliche Schlagerstar der "Nuller"-Jahre, nach seinen perfekten Megahits "Stern", "Gloria" oder "Leb Deinen Traum" unter immensem Erfolgsdruck. Dies sollte ihn aber keinesfalls dazu verleiten, krampfhaft nach "Stern – Volume II" zu fahnden bzw. Textinhalte zu kopieren, die schon unzählige Male im einheimischen Schlager- und Popgeschehen vorkamen.

Nik’s letzte beiden Ariola-Alben "Freudentränen" (Frühjahr 2008) und "Ein Stern – Weihnachten mit Nik P." (Herbst 2008) hatten den Verfasser dieser Zeilen seinerzeit regelrecht vom Hocker gehauen. "Weißt Du noch" plätschert im Gegensatz dazu über weite Strecken lustlos vor sich hin und trägt nur wenige (dann aber wahrlich phänomenale) Höhepunkte in sich. Nik P. besitzt ein stark ausgeprägtes Talent, keine Frage. Dieses sollte er aber schonen und pflegen, vielleicht mal eine längere künstlerische Pause einlegen – um danach womöglich mit einem weiteren radikalen Rockschlager-Knaller ins Rennen zu gehen, in dem das "S-Wort" einfach mal fehlt, und somit durch neue, unvorbelastete kreative Ideen begeistert und mitreißt!

(Ironischer Epilog: Im Übrigen bestehen noch viele weitere Wochenzeitschriften im deutschen Sprachraum, so daß bestimmt nicht ausschließlich das 1948 von Henri Nannen begründete, bei "Gruner & Jahr" veröffentlichte, "STERNengleiche" Magazin für Songtitel herhalten müßte. Wie wäre es denn mal mit z.B. "Dein Gesicht im SPIEGEL", "Ich FOCUSsiere Dich" – oder, auf Österreichische Verhältnisse übertragen – "NEWS von Dir und mir", "Dein PROFIL gefällt mir" bzw. "Du bist eine Frau von FORMAT"… ;)))



Gesamtnote – Musik: 1 – 2
Gesamtnote – Texte: 3

Quelle: Holger Stürenburg, 19./20. Juli 2009

 

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