26.01.2007 - 00:00:00
RAFFAELE
Die CD "Such mich in meinen Liedern" - von Holger Stürenburg auf Herz und Nieren getestet!
Ein begabtes, junges, frisches Gesicht in der einheimischen Popszene legt am 26. Januar 2007 beim Diepholzer Label DA-Music sein zweites Album vor, das sich stilistisch keinesfalls so schnell einordnen läßt, weshalb der überbordende Charme des ungewöhnlichen Werks dem geneigten Rezipienten auch erst nach mehrmaligem Anhören des Tonträgers überhaupt bewußt wird. Der gebürtige Sizilianer RAFFAELE, wohnhaft in Offenbach, ist wahrlich kein simpler Schlagersänger, genauso aber auch weder betroffener Deutschrocker, noch schwermütiger Chansonnier. Vielmehr vermengt der passionierte Kaffeetrinker und überzeugte Genußmensch die verschiedensten Genres der Unterhaltungsmusik zu einer oft geradezu faszinierenden Popmelange, die nicht nur für die Herkunft des Interpreten typisches, eben mediterranes, sondern letztlich unterschiedslos kosmopolitisches, internationales Flair ausstrahlt.
"Such mich in meinen Liedern" nennt sich die über 70minütige CD, die elf brandneue Songs und vier bis zu siebenminütige Maxi-Abmischungen beinhaltet, sowie, sozusagen als "Bonustrack", den augenzwinkernden Lobgesang auf des jungen Künstlers Lieblingsgetränk, den "Caffe Ristoretto", präsentiert. Diese insgesamt 16 Titel weisen überwiegend ein sehr hohes Niveau auf, sowohl hinsichtlich Instrumentierung und Arrangement, als auch in Sachen Gesang und Interpretation, selbst wenn es lyrisch manchmal arg holpert oder man einfach auf allseits geläufige Formulierungen aus bekannten deutschen Popklassikern zurückgegriffen hat. "Kann nichts mehr essen / Kann Dich nicht vergessen" - diese legendäre Textzeile kennen wir alle aus Herbert Grönemeyers 1984er-Gänsehautballade "Flugzeuge im Bauch". 23 Jahre später kommt sie unverhofft und unerwartet in Raffaeles eher seichterem Popschleicher "Weil ich Dich liebe" erneut zu Ehren.
Davon abgesehen, bietet "Such mich in meinen Liedern" jedoch eine Vielzahl mehr als nur spannender, ganz und gar nicht alltäglicher Kompositionen auf, die durchwegs eine enorme Stilvielfalt und Vielseitigkeit an den Tag legen. In den Reimen der aktuellen Radiosingle "Wenn Mira lacht", erzählt der frühere Musikpromoter eine romantische Geschichte über seine gleichnamige große Liebe und Managerin. Dies geschieht zu einer treibenden, groovigen, eingängigen Up-Tempo-Melodie, die umgehend zum Mittanzen einlädt und die Gehörgänge des geneigten Rezipienten nicht so schnell wieder verläßt.
Das flotte Urlaubsschmankerl "Sommer, Sonne, Meer" hat nichts mit G.G.-Anderson-Leichtigkeit oder gar "Flippers"-Peinlichkeit gemein, sondern stellt nicht mehr und nicht weniger dar, als ein urbanes, luftig-lockeres Popkleinod, irgendwo angesiedelt, zwischen Barry Manilows "Copacabana" und klassischem Discosound der ausgehenden 70er Jahre.
Die von DA-Music als "besonderer Geheimtip" bezeichnete, für Sommer 2007 geplante zweite Singleauskoppelung "Celestine" geht dagegen problemlos als elitäre, feudale New-Jazz-Ballade durch, die mit ein paar freundlichen, geschmackvollen Einsprengseln südamerikanischer Rhythmik verfeinert wurde. Jazziges, Souliges vernehmen wir gleichsam im zickig rhythmisierten Tanzflächenfüller "Gefahr"; etwas zu arg im zeitgeistigen Mainstream verbleiben allerdings sowohl rasantere Nummern, wie "Immer, wenn Du weinst", als auch stillere Klänge der Sorte "Weil ich Dich liebe".
Lustvolle, knisternde Erotik versprüht der italienisch-schweizerische Popromancier, der sich, neben seiner Schallplattenkarriere, gleichzeitig mit Kleinkunstprogrammen und italienischen Liederabenden ein treues Publikum, zunächst vor allem im hessischen Raum, erarbeitet hat, im feurigen Jazz/Soul/R'n'B-Mix "Du hast Gefühl". Herzzerreißend und blendend ehrlich zeigt sich die am lieblichen Boygroup-Sound der 90er Jahre angelehnte Ballade "Ich danke Dir", die mit der Wortschöpfung "Philosofee" – also, einer Mischung aus Philosophin und Zauberfee – nahezu Kunze-esken Sprachwitz aufweist. Melancholisch und trotzdem ohrwurmträchtig ertönt das temporeiche und zugleich konsequent verhaltene Abschiedsepos "Winterherz", während der lautere Poprocker "Höher, schneller, weiter" gar mit leichter Gesellschaftskritik aufwartet.
In erster Linie ein Fall für Discjockeys und Partyveranstalter, als für melodieverliebte Popgourmets, sind und bleiben die nicht selten viel zu stark rhythmusbetonten Dancefloor-Remixes von "Sommer, Sonne, Meer", "Wenn Mira lacht", "Immer wenn Du weinst" und "Winterherz".
Raffaele, der einst übrigens von den "Münchener Freiheit"-Mitgliedern Alex Grünwald und Michael Kunzi entdeckt wurde – letzterer tritt sogar als Komponist eines Titels auf "Such mich in meinen Liedern" in Erscheinung -, hat bewiesenermaßen die verschiedenartigsten Talente mit auf die Welt gebracht. Nur stellt sich dem interessierten Beobachter aber die Frage, ob die, aus rein künstlerischen Aspekten heraus betrachtet, natürlich schier phänomenale Stilvielfalt seiner Lieder, nicht gewisse Probleme im kommerziellen Bereich mit sich bringen könnte. Für den traditionellen Schlagerfreund klingt Raffaele womöglich einerseits zu frech, modern, global, poppig, andererseits zu chansonorientiert, zu "intellektuell", manchmal einwenig narzißtisch – und Anhänger inhaltsreichrer, tiefsinnigerer, anspruchsvollerer Popmusik werden dem sympathischen Frauenschwarm vielleicht häufiger allzu starke Schlagernähe und Schlichtheit vorwerfen.
Querdenker und tolerante Musikgenießer ohne Scheuklappen, die jeglichen Schubladendenkens abhold sind, werden jedoch schon bald von Raffaele und seinen gleichfalls liebevollen, wie heißblütigen Pop/Soul/Jazz-Chansons begeistert sein, so daß sich des Offenbachers Ruhm, von Hessen aus, in Kürze garantiert auf das gesamte Bundesgebiet ausdehnen dürfte.
Subjektiver Minuspunkt aus Sicht des Rezensenten: Der Albumtitel wurde eins zu eins von Howard Carpendales gleichnamigem 1981er-Meisterwerk übernommen, was dem Howard-begeisterten Verfasser dieser Zeilen durchaus etwas weh tut. Denn ebenso, wie kein internationaler Popmusiker seine Neukompositionen "Yesterday", "I can’t get no Satisfaction" oder "My Generation" nennen sollte, verbleibt die Sentenz "Such mich in meinen Liedern – zumindest aus Sicht des Verfassers – eindeutig und auf immer mit dem hünenhaften Südafrikaner mit Wohnsitz in Köln verbunden.
Daher "nur" eine 2 als Bewertung!
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